(2009)

 

Gib mir die Hand, lass uns der Welt und ihrer Anmaßung spotten, uns liebend drehen, auch wenn dieser Tanz kein gutes Ende nehmen muss ... So - und nicht anders - fühlt sich das neue Son Of The Velvet Rat-Album an, wenn es zwischen Keplerplatz und Spittelau im Player läuft. Man beobachtet die Menschen in der U-Bahn. Und findet sich selbst als Observierter wieder.

"'Animals' ist ein Versuch an der Sehnsucht", erklärt Georg Altziebler, Mastermind von SOTVR. Gleichzeitig scheint dem Opus eine Abneigung gegen den Schmerz innezuwohnen, der als dunkler Gefährte nebenher spaziert: Sehnsucht als das süße Gift, das schon manches Leben bitter machte. Der Titel ist gewiss kein Zufall. Flirtete Georg Altziebler auf 'Loss & Love' noch mit countryesker Wildwest-Romantik, verschlägt es ihn nach dem Garagenausflug auf 'Gravity' jetzt in naturalistische Gefilde: "Sometimes I feel like a featherless bird / among other birds". Schutzlosigkeit, der Wunsch zu fliegen, der Wunsch sich stumm heiser zu schreien; Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Sehnsucht nach dem Ideal. Der 'Dumb Bird' scheitert an Dingen, die seine Artgenossen mit instinkthafter Leichtigkeit vollführen. Eine Referenz an die eigene Unvollkommenheit?

'Animals' ist (auch) ein Grenzgang zwischen klassischem Songwritertum und progressivem Blues. Bei 'Same Monkey (In a Different Zoo)' kokettiert man abermals mit naturalistischen Bildern - "Cut me like a flower / and keep me for a couple of days" - und tendiert musikalisch beinahe Richtung Pop. Trotz der textlichen Bleiesschwere bleibt es ein sanfter Gleitflug; eingängig, luftig, ohne kantenlos zu sein. Typisch für SOTVR ist, jede Spielart und jeden sich bietenden Einfluss aufzunehmen und umzusetzen. So ist das Ausreißer-Stück 'Hotel Song Nr. 2', aufgenommen bei einer Jam Session in Berlin, ein Hinweis auf die vielen musikalischen Möglichkeiten, die in dem Projekt schlummern. Wer diesen Song verorten möchte, möge sich ein zufälliges Treffen von Marc Bolan und Serge Gainsbourg in einer Zagreber Hotellobby vorstellen.

Auf 'Animals' lässt die Instrumentierung traditionelle US-Einflüsse weitgehend vermissen. Dafür betreten spanische Bläser, analoge Keyboards und allerhand obskure Saiteninstrumente die Manege und geben dem Puppenspiel einen beinahe überbordenden und ja, durchaus fröhlichen Akzent. "Die Besetzung ist, anders als bei den bisherigen Alben, tendenziell europäisch", merkt Altziebler an. "Was ich den Musikern von Anfang an gesagt habe, war, dass ich keine 'Americana'-Platte will." 'Nashville-cats' an Bouzouki, Mandoline und Akkordeon kombiniert mit europäischem Neo-Folk-Chanson – ein gewagte Verbindung.

Auch der Produzent ist kein Unbekannter. Ken Coomer, Ex-Wilco-Drummer und langjähriger Freund Altzieblers ist mit der Geschichte von Son Of The Velvet Rat seit längerem eng verbunden und hatte bei 'Animals' einen abermals entscheidenden Einfluss auf den letzten Schliff. Aufgenommen wurde im Westwood Studio in Nashville, Tennessee, im November 2008. Es handelt sich um ein ehemaliges Gospel-Aufnahmestudio mit hohem, holzgetäfelten Aufnahmeraum und einem alten Neve-Mischpult, an dem u.a. schon die Dixie Chicks zugange waren. Gemischt hat Charlie Brocco, gemastert Rupert Metnitzer im heimatlichen Graz.

Erwähnenswert sind auch die 3 Bonustracks, die im Juli 2008 in Berlin entstanden. "Wir haben drei Tage im Studio von Element Of Crime - Drummer Richard Pappik aufgenommen. Richard hat Schlagzeug gespielt, Kristof Hahn (ehemals Swans und Koolkings), der jetzt Les Hommes Sauvages macht, Lapsteel und Gitarre. Außerdem dabei waren - und das ist mir wichtig - Albrecht Klinger (git), Christian Eitner (bass) & Heike Binder (organ, b-voc) von meiner Liveband". In Berlin wurde auch das Greg Sage-Cover "Straight Ahead" eingespielt.

Es ginge zu weit, wenn man bei 'Animals' von einer Neuerfindung sprechen würde. Die unverwechselbare Stimme und die punktuell gesetzten Harmonien sind weiterhin unser Teleskop zum Velvet Rat-Kosmos. Doch Altziebler wechselt seine Sichtweise, seine introvertierte Kunst und seine Weltanschauung mit jedem Song. Vielleicht ein Versuch, seiner Sehnsucht habhaft zu werden.

"Tiere also", so Georg Altziebler. "Warum? Weil sie immun sind gegen die Sehnsucht. Das Leben lebt sie. Ohne Vorwarnungen. Wir können nicht sein wie sie, aber wir wissen warum: die Sehnsucht ist ein zartes Gift. Wer sein Fell nicht ablegt, wird nichts spüren. Wer seine Haut retten will, soll sich warm anziehen."

Die ewige Debatte um Kühnheit und Können, Kunsthandwerk und Kunst wird hier obsolet. Man kann über Altziebler und sein Herzensprojekt und Alter Ego SOTVR grübeln. Stundenlang, tage-, monatelang, wenn man möchte; doch er bleibt nicht greifbar, verharrt knapp unter der Oberfläche – Die Projektion wird zum Spiegelbild. Die Begabung des wahren Poeten: mit gravitätischer Leichtigkeit die Welt aus den Angeln zu reißen, Wort und Musik so zu setzen, dass genügend Spielraum für die eigene Fantasie bleibt. 'Animals' ist eine Wanderung zwischen den Welten. Altzieblers und der eigenen. Wenn sie letztlich verschmelzen, ist ein Ziel erreicht.

(Bastian Kellhofer)

Animals CD

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