(2013)

 

“I'm a good son, and my father's a firedancer.” Der Kernsatz im kürzesten Song des neuen Albums von Son of the Velvet Rat lehnt sich elegant in einen von nichts als Georg Altzieblers akustischer Gitarre getragenen Walzertakt. Er zieht seine Kreise durch den Kopf des Hörers wie ein endloser Refrain, doch der Eindruck täuscht: Tatsächlich kommt er nur einmal vor. “I say 'Who am I to deserve this?' but I get no answer”, reimt der in seiner schnörkellosen Wortwahl mit der Treffsicherheit eines Muttersprachlers gesegnete Songschreiber bedeutungsschwer darauf.

„Die Platte hat viel mit dem Tod meines Vaters zu tun“, erklärt Altziebler, „Einige Lyrics sind unmittelbar danach entstanden. Das Widersprüchliche, das so ein Ereignis auslösen kann. Wie es kaum reine Liebe gibt, gibt es auch kaum reine Trauer. Aber wer braucht das schon? Spaß ja, Energie, Wut natürlich.“

Und so kommt es, dass der als zentrales Herzstück in der Mitte des Albums ruhende Titelsong von einigen der lebensbejahendsten, ja tanzbarsten Songs umgeben ist, die je unter dem Namen Son of the Velvet Rat erschienen sind (in der Nummer “The Pond” lässt Altziebler sich vom Sog der Spielfreude gar zu einem spontan ausgestoßenen “Wooh!” hinreißen). Selbst die angesprochene Wut ist mit reichlich Humor versetzt: “Friends with God” handelt etwa von der Schwierigkeit, sich mit einem zynisch-grausamen Gott zu versöhnen. “I need a new rabbit to pull out of my hat”, heißt es da, “All I've conjured up now / Are roadkill and rats.” Der hagere Zauberer mit den stets vom Gewicht der Welt gebeugten Schultern und skeptisch hochgezogenen Brauen präsentiert uns sein Kaninchen mit einem süffisanten Lächeln. Schließlich hat er es direkt vor der eigenen Haustür gefangen, nachdem er ihm über tausende Meilen hinterhergejagt war.

“Firedancer” ist im Gegensatz zu seinen in den USA eingespielten Vorgängern nämlich hauptsächlich im Grazer Garaz¯a-Studio des Sasa Prolic´ entstanden. Mitgespielt haben dabei nicht nur Altzieblers Frau und musikalische Partnerin Heike Binder, die langjährigen Weggefährten Albrecht Klinger (diesmal am Bass) und Schlagzeugerin Anne Weinhardt, Matthias Loibner an der Bauernleier (zu Englisch „Hurdy Gurdy“), die Tastenspieler Martin Gasselsberger und Fabio Schurischuster, oder der auf „Sing for the Deaf“ zur Ukulele greifende Fritz Ostermayer, sondern auch neue Freunde wie der vielseitige Kolja Radenkovic´ (Gitarre, Mandoline, Trompete, Flügelhorn), Saxophonist Jani Šepetavec, Gitarrist Sas¯enko Prolic´ und Backing-Vokalistin Vesna Petkovic´.

Letztere vier sind Teil jener bosnisch/serbisch/kroatischen Diaspora, die sich in den zwei Jahrzehnten seit dem jugoslawischen Bürgerkrieg in der immer schon spürbar slawisch gefärbten Metropole des österreichischen Südens angesiedelt hat. Dementsprechend anders auch die Färbung des kulturell gut durchmischten Heimspiels. „Was es nicht geworden ist, ist Americana“, bestätigt Altziebler, „Davon hab ich schon genug gemacht.“

Tatsächlich hatte er in der Abfolge der Alben “By My Side”, “Playground”, “Loss & Love”, “Animals” und “Red Chamber Music” bis hin zur Covers-Kollektion “Reaper” die Mission des Imports von transatlantischem Flair zu einer Art Vollendung gebracht, der nicht mehr viel hinzuzufügen war. Die Musik von Son of the Velvet Rat ist ein Vehikel seiner Sehnsüchte. Insofern entspricht es auch einer inneren Logik, dass ihre Orientierung sich mit dem Wechsel seiner physischen Heimat umpolen sollte.

Altziebler und Binder pendeln dieser Tage nämlich (samt ihrem kleinen Sohn) im Halbjahrestakt zwischen Graz und einer anonymen Kleinstadt in der kalifornischen Wüste. Ein Song wie “Trapped Sunlight” vermittelt mit seinem Refrain vom “hole in your heart” eloquent das hohle Gefühl der Entwurzelung in der Brust des Zugewanderten:.

“The hills in the distance seem so near
It takes more than a lifetime to get there from here
Life here is slow – speed never pays
Not in the heart of the city anyway”

Zwar hat Altzieblers Intimus und Uncle Tupelo- bzw. Wilco-Veteran Ken Coomer aus Nashville auch diesmal wieder einiges an Percussion-Spuren beigesteuert, und ein Song wie die filmisch atmosphärische Strand-Ballade “Day at the Beach” verdankt einiges ihrer Atmosphäre unbestreitbar den Chören der „Soul Sisters“ Gale Mayers und Angela Primm. Aber in Kolja Radenkovic´s flirrender Mandoline, Heike Binders schwermütigem Akkordeon und dem Seufzen von Matthias Loibners Leierspiel klingt unüberhörbar die zentraleuropäische Seele des Songs durch.

Man sieht Altziebler förmlich, vor sich den Pazifik, unter der Sonne des Westens sitzen, zur Gitarre greifen und in den Abständen zwischen den Saiten nach der vermissten Melancholie Mitteleuropas tasten. Kleinlich, wer ihm nun riete, die Suche nach der Alten Welt besser am Atlantik zu beginnen: “What a sweet thing when it dawns on you that your love’s really your best friend / Makes you feel like you’re winning the Blue Ribbon without having to sail to world’s end”, singt er in “Blue Ribbon”. Pfeif aufs blaue Band, mehr Mut verlangt es allemal, dem Rat der Kapitänstochter zu folgen und voller Gottesvertrauen über Bord zu gehen: “Brother if you want a free ride, give in to the water” (“Captain's Daughter”).

„Für mich sind das keine Metaphern im eigentlichen Sinn“, stellt Altziebler klar, „Sie stehen für nichts, sie definieren allerdings Räume, Schauplätze, sind verbale Brandbeschleuniger. Bilder können eine Idee abstrahieren und dadurch konkret machen, auch in Songs.“ Manche dieser Bilder spielen mit Unschärfen, siehe den Schlusssong “King of Cool”:

“And I wonder, would you make an effort
And I wonder, would you break the rule
The guideline of your master
Elusive king of cool
And let it show”

Es wird nicht wirklich klar, ob die Titelfigur nun ihre Maske fallen lassen oder stattdessen den vorgezeichneten Weg in die seelische Abstumpfung wählen wird. Aber sie ruft noch einmal ihren Widerpart, den “Firedancer” ins Gedächtnis, insbesondere die Zeile, in der Altziebler klar Stellung bezieht und sich bekennt zur in der Fremde gefundenen Identifikation mit der historisch verleugneten, interkulturellen Vielfalt seiner Grazer Herkunft, und vielleicht auch mit seinem verstorbenen Vater: “But I'm a firedancer too / I know anyway.”

(Robert Rotifer)

Firedancer, CD

€18,00Price